Jeden Tag, Jede Stunde by Natasa Dragnic

Jeden Tag, Jede Stunde by Natasa Dragnic

Author:Natasa Dragnic [Dragnic, Natasa]
Language: deu
Format: epub
ISBN: 3442743974
Amazon: 3442743974
Publisher: btb Taschenbuch
Published: 2012-05-01T22:00:00+00:00


Tage sind vergangen. Dora hat ihr Bett verlassen, und gestern ist sie wieder im Theater bei der Probe gewesen. Frédéric, heute in Rot und Orange, hat sie umarmt, dann aber schnell einen Sprung nach hinten gemacht und gefragt, ob sie tatsächlich ganz gesund sei, es wäre eine Tragödie, tragischer als König Lear selbst, wenn ihm jetzt etwas zustoßen würde. Dora hat schwach gelächelt und ihr Bestes getan, um ihm zu zeigen, dass keine Gefahr besteht, dass irgendjemand vom Ensemble krank werden könnte. Was sie nicht gesagt hat, ist, dass sie überhaupt nicht krank war. Nicht ansteckend krank jedenfalls. Dann hat Frédéric sie nach Luka gefragt, und da wurden ihre Augen groß und feucht, und sie ist weggelaufen, hat sich in der Garderobe versteckt. Man hatte Mühe, sie wieder auf die Bühne zu holen.

Heute ist sie aber früh aufgestanden. Heute ist der Tag. So hat sie es entschieden. Sie sitzt auf dem Sofa neben dem Telefon und atmet tief ein und aus. So wie sie es gelernt und auch Luka beigebracht hat. Ein und aus. Tief und lang. Ihre linke Hand liegt schon auf dem Hörer. Die rechte immer noch auf dem Bauch, um das Atmen zu überwachen. Dann umfasst die linke den Apparat, hebt ihn und legt ihn in Doras Schoß. Die linke bringt den Hörer an Doras Ohr und die rechte wählt die Nummer. Dora atmet ruhig. Aus dem Bauch heraus. Durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus. Drei Mal tief. Und sie ist ruhig wie das Meer in der Abenddämmerung, nach einem Regenschauer.

Es klingelt. Es ist acht Uhr früh. Drei Mal klingelt es. Dann meldet sich Luka.

»Hallo?« Da ist sie, ihre Stimme. Da ist er, ihr Mann. Dora kann nicht sprechen. Alles ist vergessen. Es gibt nur noch ihn und diese Liebe, die größer ist als die Welt.

»Luka, Dora ist hier.« Sie flüstert.

»Dora.« Seine Stimme wie Eis in der Sonne.

»Luka, ljubavi moja! Komm zu mir.« Sie streichelt die Sprechmuschel mit den Lippen. Ihr ganzer Körper zittert, als würde er Lukas Berührung spüren.

»Dora.« Und dann nichts mehr. Als wäre Eis nicht dazu verdammt, in der Sommersonne zu schmelzen.

»Luka, was ist passiert? Komm zu mir. Es sind schon Wochen vergangen, was machst du noch da? Warum hast du mich nie angerufen? Ich bin fast wahnsinnig geworden, ich konnte nicht einmal ins Theater gehen, bin im Bett geblieben und habe auf dich gewartet, auf deinen Anruf, wo bist du? Was machst du noch da? Komm zu mir. Zu uns. So wie wir es ausgemacht haben. Luka.« Und plötzlich ist sie müde, und eine Art Gleichgültigkeit umhüllt sie, als hätte sie eine Ahnung, was als Nächstes kommt.

»Dora. Es ist vorbei.« Lukas Stimme ist leise und nicht zu erkennen.

»Papou ist gestorben.«

»Das tut mir leid.« Ungeduldig.

»Luka, ljubavi moja, ich vermisse dich. Was sagt Neruda? Komm, nur einen Vers, ich sehne mich so danach.«

»Dora.« Luka stöhnt.

»Atme, Luka, atme.« Sie kann ihn ganz deutlich zählen hören. »Atme, mein Prinz, atme.«

Sie sind Hunderte von Kilometern voneinander entfernt. Ihre Lippen können sich nicht berühren. Ihren Fingern bleiben nur Erinnerungen.



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